Was fasziniert uns so sehr an Spanking?

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  • Spanking
    Die ersten Bilder des sadomasochistischen Aktes gab es bereits 400 v. Chr. Wir haben uns auf die Spuren der Vorliebe begeben, die mittlerweile im Mainstream angekommen ist.

    Im Jahr 1960 stieg der Archäologe Carlo Maurilio Lercici in die Überreste der antiken Stadt Tarquinia, um Grabkammern der fortgeschrittenen Zivilisation der Etrusker zu untersuchen. Die haben von 800 v. Chr. bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. im heutigen Italien gelebt. Neben menschlichen Überresten hat er unzählige schwer beschädigte Fresken vorgefunden, auf denen Boxer und sexualisierte Tänzerinnen zu sehen sind. So weit, so normal. Doch was er im Grab der Auspeitscher entdeckte, war bemerkenswert: Eine unbekleidete Frau kniet auf allen vieren und hält ihren Hintern in Richtung eines bärtigen Mannes hoch, während ein junger Mann von hinten ihren Popo versohlt. Das älteste, bisher entdeckte Beispiel von erotischem Spanking.

    Seit zwei zweitausend Jahren fasziniert der sadomasochistische Akt die Menschen—von Künstlern über Philosophen bis zu Sexforschern, jeder auf seine Weise. Vatsyayana, Autor des Kamasutras, hat vier Handpositionen für den Spanker und sechs Positionen für die gespankte Person beschrieben. Insgesamt kennt das Kamasutra acht verschiedene Arten des Weinens während des Spankings.

    Auch die Psychoanalyse hat sich mit dem Spanking beschäftigt. So hat es Sigmund Freud auf Kindheitserinnerungen zurückgeführt. Er hat glaubt, dass Bestrafung in der Kindheit zu sadomasochistischen Vorlieben im Erwachsenenalter führt.

    Wenn eine Person etwas sexuell anregend findet, setzt das Gehirn Dopamin frei. Der Neurotransmitter ist für das Belohnungs- und Genusszentrum im ] Gehirn zuständig. Wenn eine Person also gespankt wird, sendet das Gehirn Signale, dass man weitermachen soll. Warum Leute speziell auf Spanking stehen, also sich eine andere Person von einer anderen mit der Hand oder einem Gegenstand auf den Hintern schlagen lässt, ist hingegen auch für die Wissenschaft nicht so ganz einfach zu erklären.

    Die Soziologieprofessorin Dr. Rebecca Plante erinnert sich im Gespräch an die Zeit, als sie für ihre Studie Sexual Spanking, the Self, and the Construction of Deviance 2006 recherchiert hat. Damals hat sie nur einen weiteren wissenschaftlichen Artikel, in dem das Thema erotisches Spanking besprochen wurde, gefunden. In dieser Studie kam der Kollege Trevor Butt, zu dem Ergebnis, dass man den „größeren gesellschaftlichen Kontext berücksichtigen müsse, in dem sich sexualisierte Bestrafung stattfindet, um zu verstehen, warum Menschen von Spanking sexuell erregt werden", schreibt die Wissenschaftlerin.

    Es gibt letztlich keinen einzigen logischen Grund, warum jemand auf Spanking steht. Die Wissenschaftlerin argumentiert weiter, dass das Spanking-Spektrum eine große Rolle spiele. So gebe es einen Unterschied zwischen einem Poklapser während des Sex und auf allen vieren von einer Peitsche oder einem Rohrstock ausgepeitscht zu werden. Nicht jeder, der beim Sex auf einen kräftigeren Poklapser steht, steht auch darauf, mit einem Rohrstock den Hintern versohlt zu bekommen.

    Zu den ersten möglichen Erklärungen, warum erotisches Spanking so beliebt ist, gehört für Rebecca Plante der Fakt, dass es im Vergleich zu Bondage, Folter und anderen BDSM-Spielarten etwas ist, das auch Leute ausprobieren, die der Fraktion „Wir stehen ja eigentlich nicht auf sowas" angehören. Eines ist aber sowohl für die, die sich nicht als Teil der BDSM-Community sehen, als auch für die, sie sich als Sadomasochisten identifizieren, klar: Es fühlt sich einfach gut an. Für Rebecca Plante ein ganz wichtiger Grund, der als Erklärung nicht übersehen werden dürfe.
    „Wir sprechen über eine relativ gut geschützte Muskelregion im Körper, die sich direkt unter Wirbelsäule befindet und wo viele Nerven zusammenlaufen. Dieser Bereich ist sehr sensibel", so die Wissenschaftlerin, „aber nicht so sehr wie der Bauch."

    In ihrer Studie stützt sich die Wissenschaftlerin auf die sogenannte Theorie sexueller Skripte, die die beiden US-Soziologen John Gagnon und William Simon in den 60er Jahren entwickelt haben. Sexuelles Verhalten sei von sozialen und kulturellen Kontexten abhängig und nicht wie davor angenommen, von biologischen Gegebenheiten. Es gibt drei Arten von sexuellen Skripten: die kulturellen Szenarien, interpersonelle Skripte und intrapsychische Skripte. Die Bezeichnungen stammen von der deutschen Sexualpädagogin Dr. Renate Berenike-Schmidt. „Kulturelle Szenarien repräsentieren die gesellschaftlichen Normen und die allgemeinen Wissensbestände, die Vorgaben für sexuelles Handeln bereitstellen", schreibt sie in ihrem Buch Lebensthema Sexualität. „Interpersonelle Skripte regeln die Abstimmung zwischen den Beteiligten einer sexuellen Interaktion. Intrapsychische Skripte sind auf einer ‚individuellen' Ebene angesiedelt. Hier werden die Vorgaben, welche die kulturellen Szenarien bereithalten, sowie die interaktiv ausgehandelten Skripte prozessiert und adaptiert."

    Diese Theorie bietet ein Erklärungsmuster für die Fragen nach dem wer, was, wo, wann, warum und wie individueller Sexualität und sexueller Praktiken. In den meisten modernen Kulturen wird in den standardisierten kulturellen Skripten heterosexueller Sex erotisiert. Sexualisiertes Spanking, eben auch oft eine heterosexuelle Aktivität, steht außerhalb der sexuellen Norm. Wie Dr. Rebecca Plante in ihren Untersuchungen herausfand, sind Männer—besonders heterosexuelle Männer—, die sonst nicht viel mit BDSM experimentieren, offener gegenüber Spanking. Aber als Aktive und nicht als diejenigen, die gespankt werden.
    Das heißt aber nicht, dass man daran später kein Interesse entwickeln kann. Zu den Untersuchungsergebnissen gehört auch, dass sich Männer, die gerne spanken, dafür schon immer interessiert haben und es als wichtig für ihr Sexleben erachtet haben. Bei Frauen liegt die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie durch einen Partner zum Spanking kommen. „Sexuelle Skripte sind einfache Erklärungsmuster, ja, aber die Theorie kann auf jeden Nutzer adaptiert und übertragen werden", erklärt Rebecca Plante weiter. „Spanking sollte einfach als eine von mehreren möglichen sexuellen Adaptionen angesehen werden, die Individuen vornehmen."

    Die Wissenschaftlerin stellt außerdem klar, dass es nicht nur ein Skript für Spanking gibt. Es gibt Leute, die darauf stehen, andere zu spanken. Andere wiederum stehen darauf, gespankt zu werden. Eine dominante Person wird wahrscheinlich eher dadurch erregt, dass sie eine Person spankt, die dadurch erregt wird, dass sie gespankt wird oder der unterwürfige Teil ist. Ob man auf Spanking steht oder nicht, hängt von der Sexualität, dem Gender und der eigenen Persönlichkeit ab, denn unter dem Oberbegriff Spanking werden viele verschiedene sexuelle Praktiken zusammengefasst. Nicht jede Art von Spanking erregt Personen auf gleiche Art und Weise, wenn sie überhaupt dadurch erregt werden.



    nur weil Spanking eine BDSM-Praktik ist, die im Mainstream angekommen ist, heißt das noch lange nicht, dass jetzt jeder drauf stehen muss. „Wir sollten uns in unserer Sexualität wohlfühlen und akzeptieren, dass sie sich im Laufe unseres Lebens verändern kann. Und wir sollten verinnerlichen, dass wir uns nie zu irgendetwas gezwungen oder genötigt fühlen sollten", sagt uns die Sexualwissenschaftlerin abschließend.

    broadly.vice.com

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Kommentare 1

  • observer -

    ...ist doch sehr schön. Die Wissenschaft ist sich zur Abwechslung mal nicht sicher etwas genau definieren oder erklären zu können.

    Zwei kleine Anmerkungen: beim Sex Klapse auf dem Po zu mögen würde ich mit den weichen, liebevollen Klapsen der Mutter bei kleinen Kindern auf dem Arm verbinden. Es hat eine beruhigende Auswirkung beim Kind, beim Erwachsenen, der darauf steht, ein Gefühl enormer Intimität.
    Daraus abgeleitet könnte man behaupten die intensivere Variante, nennen wir sie wie das Portal, ist die Sehnsucht diese Aufmerksamkeit in einem festgelegten Rahmen zu fixieren. Ob nun Passiv, Switch oder Aktiv ist dabei nicht so entscheidend, die besondere Zuwendung ist das Ziel. Empfinde ich jedenfalls irgendwie so.